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Sehr merkwürdig, finden Sie nicht E-Mail

photocase_de_maria_vaorin_frzcwm8r2.jpgDie Frau mir gegenüber im Bus blickt mich über den Rand ihrer Brille an und fährt im Gespräch fort. Seit ich eingestiegen bin und vis a vis von ihr Platz genommen habe, spricht sie mit mir und kennt keine Pausen, keine Augenblicke der Ruhe und Stille, sie spricht unentwegt und ich verstehe sie nicht, ich verstehe nur Bahnhof. Nicht, dass sie in einer mir fremden Sprache spricht, aber rein inhaltlich bin ich nicht immer in der Lage ihr zu folgen.

"Wissen Sie", fährt die Frau unbeirrt fort, "Wissen Sie, als ich diesen Menschen das erste Mal durch meine Wohnungstüre kommen sah, nämlich durch die geschlossene Wohnungstüre, da bekam ich es mit der Angst zu tun. Denn wir wissen doch alle, dass ausschließlich Geister, also geistige Wesen dazu in der Lage sind durch geschlossene Türen zu gehen. Als dieser Mensch oder Geist oder was auch immer, also durch die geschlossene Türe kam und mich freundlich anlächelte, mir seine Hand zum Gruße hin hielt, da bekam ich es wirklich mit der Angst zu tun. Ich tat also das, was ich immer zu tun pflege, wenn ich es mit der Angst zu tun bekomme. Ich renne in mein Schlafzimmer und verstecke mich unter dem Bett. - Nein, es ist nicht die beste Wahl, denn unter dem Bett ist es immer entsetzlich staubig und dies hat zur Folge, dass ich mich nach einer Angstattacke immer endreinigen muss, Sie verstehen, vom Staub befreien muss. Stunden später niese ich noch in heftigen Niesattacken, weil sich meine Hausstauballergie bitter an meinem Tun rächt. Ja, man sollte eben nicht ängstlich sein."

Ich frage die Frau mir gegenüber, sanft lächelnd, ob sie sich darüber denn sicher sei, was sie da gesehen hat.

"Ach Sie glauben mir wohl auch nicht. Wissen Sie es ist ein Paradoxon, einerseits glaubt mir kein Mensch und andererseits werden unentwegt Fragen gestellt die darauf schließen lassen, dass die Neugierde überwiegt und meine Gesprächspartner mehr über eben "dieses" wissen möchten", die Frau hebt ihre beiden Zeigefinger und schreibt vor und nach "dieses" entsprechende Anführungszeichen in die Luft.

"Also dachte ich mir eines Tages ich müsse mich besser auf diese mir unheimlichen Begegnungen vorbereiten. Wenn sie mich schon besuchen kommen, dann sollte ich es wohl nützen und versuchen mit ihnen Kontakt aufzunehmen." Die Frau lächelt leise in sich hinein um nach maximal 2 Sekunden der Unterbrechung in ihrem Redefluss fortzufahren. "Also holte ich mir eine Stuhl, stellte ihn in den Gang und ich versuchte mich auf den bevorstehenden Besuch zu konzentrieren. Das gelang mir nicht und ich saß ganze 4 Tage erfolglos auf besagtem Stuhl im Gang. Am 5. Tag kam er wieder, er kam wie gewohnt direkt durch die Türe auf mich zu, lächtelte und streckte seine Hand nach mir aus. Die nahm ich an, das heißt ich wollte sie annehmen, griff daneben oder in die Luft und so blieb es bei einem freundlichen, aber erfolglosen Versuch ihm die Hand zu geben. Er tat so als hätte er mir seine Hand gegeben, ich fasste zwei mal nach, vollkommen vergebens. Somit war mir klar, Geistern könne man nicht die Hand reichen. Das heißt, man kann ihnen die Hand reichen, aber nicht geben. Verstehen Sie was ich meine, man kann sie nicht berühren. Ich kann höchstens meinen Astralkörper mit dem des Geistes in Berührung bringen, aber das spüre ich nicht, zumindest nicht so wie eine "irdische Berührung"." Und wieder malt die Frau mir gegenüber mit ihren beiden Zeigefingern 2 Anführungszeichen in die Luft.

Ich nicke verständnisvoll und setze an eine neuerliche Frage zu formulieren. Erfolglos, denn sie fährt bereits in ihren Gedanken fort.

"Dieser Mann nistete sich für lange Zeit bei mir in meiner Wohnung ein. Wissen Sie, ich hätte mir ja nie erträumt je noch einmal einen Mann für mich zu finden. Und er ist so dankbar, denn er trinkt nicht, er raucht nicht. Er ist einfach nur für mich da, gut unsere Unterhaltung ist einseitig, aber wie Sie ja merken, ich spreche gerne und viel und ihn scheint es sehr zu interessieren, denn er sitzt viele Stunden mit mir am Tisch und hört mir geduldig zu. Ein Traummann eben. - Hoppla, jetzt hätte ich in unserer Unterhaltung beinahe vergessen auszusteigen. Leben Sie wohl mein Lieber und alles Gute, vielleicht sieht man einander ja wieder."