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Flashbacks aus der Kindheit E-Mail

aboutpixel_de_glori_weltmeister_2006.jpgSchon Heimito von Doderer stellte ja bekanntermaßen fest, dass die Kindheit wie ein Kübel ist, der einem eben in dieser übergestülpt wird und dessen Inhalt das ganze Leben lang an einem hinunter rinnt. Ob man will oder nicht. Bei manchen sieht man das Gerinne sehr deutlich bei anderen scheint besagter Kübel erfreulicherweise bereits mehr als geleert zu sein.

Mein Kübel à la Doderer ist zumindest an Erinnerungen gut befüllt. Vieles davon darf rinnen, am besten verrinnen, auf nimmer Wiedersehen. Einige Erinnerungen lieben es von mir betrachtet und immer wieder belebt zu werden und ich genieße es. Mittlerweile sind es vor allem die kulinarischen Erinnerungen.

Heute genoss ich eine Paradeisermarmelade (für deutsche Freunde: Tomaten sind gemeint), rote Paradeisermarmelade mit Chilli. Schon der Geruch erinnerte mich an pure Tomaten und nein, so stelle ich mir keineswegs eine feine Marmelade auf das morgendliche Wochenendbrot vor. Für ordentliche Flashbacks reichen mitunter kleine Dingelchen an Gerüche, Geschmäcker oder was weiß Buddha was und man ist wieder ordentlich dort, wo man eigentlich so nicht mehr hin wollte. Ich befinde mich also wieder mitten in der Kindheit und am mütterlichen Frühstückstisch mit - erraten - Tomatenmarmelade. Meine Mutter ist ja gebürtige Norddeutsche und nennt das Gut nicht wie hier in Österreich üblich "Paradeisermarmelade" sondern "Tomatenmarmelade". Ihre war auch nicht so schön rot wie die vom heutigen Frühstück. Meine Kinheitstomatenmarmelade war kaltgrün und so ähnlich schmeckte sie auch, kaltgrün. Seit dem begegnete mir auch keine Tomatenmarmelade mehr, schon gar nicht grüne. Wie gesagt, ich mochte die Marmelade in meiner Kindheit nicht und ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir jemals eine Marmelade hatten, die sich so gut hielt und von der wir ewig üppige Vorräte hatten. Sie war eben von niemandem geliebt, ich denke nicht mal von meiner Mutter. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass sie jemals davon gegessen hätte. Heute noch stelle ich mir die Frage, ob grüne Tomatenmarmelade nicht auch giftig ist oder ob das Gift durch die Hitze vernichtet wird.

Meine von mir noch immer hochverehrte und geliebte Großmutter hinterließ mir für Doderers Kübel eine deftige Ohrfeige, die sie mir aus Sorge gab, als ich spät nach Einbruch der Dunkelheit endlich nach Hause kam. Wichtige landwirtschaftliche Geschäfte außerhalb des Ortes verhinderten mein früheres Erscheinen, aber das konnte sie ja nicht wissen und damals war keines der frei laufenden Kinder mit einem Handy ausgestattet, man war als Erwachsener der Zuverlässigkeit des Kindes ausgesetzt. Wie sie mir später des öfteren bekundete, tat ihr die Ohrfeige mehr weh als mir, ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie sich damit nicht nur trösten wollte.

Kulinarisch gab mir meine Großmutter in erster Linie eine Erbsensuppe mit, die nach wie vor, wenn es um kulinarische Belange geht, aus Doderers Kübel quillt.

Meine Mutter dürfte um die Beschaffenheit des Kübels gewusst haben, denn sie verstand es hervorragend diesen zu befüllen und um Platz für mehr zu schaffen, den Inhalt regelmäßig mit ihren Füßen platt zu treten. Da war viel drinnen und es floss über die Jahre sicherlich dieses und noch mehr heraus, über mich und an mir hinunter. Kulinarisch ist mir gerade noch der Brotaufstrich in Erinnerung der aus der Ideenkiste einer Alleinverdienerin mit 3 Kindern gesprungen ist. Man nehme also eine ordentliche Portion Salzspeck, das ist der ekelige weiße Speck ohne Fleisch, nur mit Fett, dafür mit viel Salz. Dann nehme man noch 2 Stück Braunschweiger, viele Knoblauchzehen (die waren vermutlich das Gesündeste am selbstgefertigten Aufstrich), Pfeffer und sonst nichts. Salzspeck und Braunschweiger kommen durch den Fleischwolf und werden ordentlich zermantscht. Mir graut heute ordentlich davor, aber zugegeben, es gab schon Menschen in meinem Umfeld, die den Aufstrich aus meiner geschilderten Kindheitskiste lecker fanden, ohne ihn jemals gekostet zu haben.