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Gefühlswelten E-Mail

leopold_hanl.jpgSie hat mir erzählt, es ist so, als würde ihr täglich ein ihr unbekannter Mann mit einer Kettensäge den Kopf aufsägen. Sie nimmt den Ansatz der Säge wahr, spürt das Sägen, den Schmerz, den erlösenden Schmerz, wenn die Säge wieder den Kontakt zum Knochen verliert und sich der mechanische, infernalische Lärm in der Weite ihres Zimmers verliert. Dann atmet sie auf.

Dann atmet sie auf, weil sie weiß, dass alles was jetzt kommt weitaus harmloser, milder, gewohnter sein wird. Sie erzählt es mir mit müden Augen, einem müden Lächeln. Müde vom permanenten Kopf öffnen.

Wenn die Motorsäge weg ist, kommt eine Frau in einem grünen Mantel zu ihr. Sie hat einen silbernen Löffel in der Hand. Sie klappt den Kopf der Frau auf und rührt vorsichtig mit dem silbernen Löffel im Kopf um. Sehr vorsichtig, damit sie nichts kaputt macht. Ab und an schnuppert sie, führt den Löffel an ihre Lippen, taucht die Zunge in das was sich auf dem Löffel befindet ein und nimmt gierig den Happen auf. Das macht sie genau in dieser Abfolge, wann immer der Kettensägenmann hier war und ihren Kopf geöffnet hat, erzählt mir die müde wirkende Frau.

"Eigentlich müsste ich total kaputt sein. Stellen Sie sich vor, man isst mir seit Jahren aus dem Kopf und ich lebe noch immer. Verstehen Sie so etwas? Wenn ich es meinen Ärzten erzähle, dann nicken sie mit ihren bebrillten Köpfen und ich weiß genau, dass sie mich für verrückt halten und mir kein Wort glauben. Einer meinte sogar, er würde es gern mal sehen, wenn der Mann mit der Kettensäge zu mir käme und er würde es gern mit eigenen Augen sehen, wenn diese Frau mit ihrem so feinen Löffel zu mir kommt und sich an mir, an meinem Hirn bedient. Ich schrie ihn an, ob er von Sinnen sei und ob er vielleicht auch mit ihr aus meinem Kopf essen wolle."

Die müde Frau sinkt noch ein wenig mehr in sich zusammen und ich bin mir nicht sicher, was ich von dieser, ihrer Geschichte halten solle. Natürlich nichts. Sie ist krank und was sie mir da erzählt, mag ja stattgefunden haben, jedoch nur in ihrer Fantasie. Nie real, nur in ihrer Fantasie, denke ich mir und lächle sie gedankenverloren an.

"Warum lächeln Sie jetzt?" fährt sie mich an. "Glauben Sie mir denn nun auch nicht? Wollen auch sie von mir essen? Wollen auch sie einer meiner Parasiten sein, die mich tagtäglich aufessen?" Sie zieht die Augenbrauen hoch, schluchtzt etwas und fährt fort. "Ich werde alles mal per Video festhalten. Dann stelle ich es auf "youtube" und jeder kann es sehen was mit mir passiert. Jeder kann sehen, wie der Kettensägenmann auf mich zukommt, mir den Schädel mit einer seltenen Brutalität öffnet, die Frau in ihrem grünen Mantel und dem soliden Silberlöffel kommt und mir mit Kennermiene aus dem Kopf isst. Ich gehe davon aus, dass so etwas noch nie gesehen wurde. Ich gehe aber auch davon aus, dass "youtube" das Video sehr bald aus dem Portal entfernen wird. Es wird von einem "User" gemeldet werden und sie werden sich alle ekeln. Schließlich werde ich wieder in der Versenkung verschwinden und weiterhin wird mir niemand glauben. Ein paar Freaks die das Video gesehen haben, werden versuchen mit mir in Kontakt zu treten. Auch sie wollen mich zersägen und sich daran erfreuen. Stellen Sie sich vor was für kranke Menschen es auf dieser Welt gibt."

Ich nicke pflichtschuldigst und bedeute ihr, dass ich sie gut verstehe, dass ich ihr folge und aktiv zuhöre.

"Sehen Sie hier, vielleicht glauben Sie mir eher, wenn Sie das hier sehen." Die Frau mit den müden Augen hebt langsam, mit zitternden Händen, ihre langen, dunklen Haare etwas an und zeigt auf eine wulstige, fette Narbe, leicht blutig, rosa, verschmiert. Sie führt oberhalb der Stirn, genau einen Zentimeter nach dem Haaransatz um den gesamten Kopf.

"Glauben Sie mir nun endlich? Den Arzt konnte ich damit nicht überzeugen, er sprach von einem Ausschlag, vom wilden Kratzen und einer dadurch entstandenen Entzündung. Ich hätte ihn noch Stunden anschreien können, er hätte mir nie geglaubt."



Bild: Leopold Hanl