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Nochmals Lebensgeräusche E-Mail

photocase_de_mathias_the_dread_4hstrhj92.jpgEs ist noch nicht so lange her, da schrieb ich über "Lebensgeräusche", die einem im Verlauf des Lebens begleiten, mit zunehmenden Alter unüberhörbar werden, diametral zur beginnenden Schwerhörigkeit. Zu Recht wurde ich gefragt ob ich denn keine positiven Lebensgeräusche wahrnehme, denn ich schrieb ausschließlich von den Quietschlebensgeräuschen, weil sie mich eben gerade so unüberhörbar laut anquietschten.

Was sind denn die positiven, angenehmen Lebensgeräusche? Ist es die zunehmende Akzeptanz die sich mit dem Alter im Gleichschritt erhöht um bei ungefähr 75 Jahren wieder rapide abzufallen, um irgendwann feststellen zu müssen, dass man nicht mehr akzeptiert wird und das was man sagt nicht ernst genommen wird? Warum kippt generell ein positives Lebensgeräusch mitunter ins Negative, um dann absolut lästig zu sein?

Die Weitsicht, keinesfalls die "Alterssichtigkeit" ist gemeint, die Weitsicht darf als angenehmes Lebensgeräusch heran gezogen werden. Je länger man lebt um so sehr erhöht sich mitunter die Weitsicht, die einem kleine Probleme noch kleiner werden lassen, große Probleme in einen erträglichen Rahmen transferieren. Und doch kann man über besagte Weitsicht verfügen und nichts daraus machen. Wie die knapp 70jährige Frau vor mir in ihrem Krankenbett. Sie stellt fest, dass sie zwar weit gesehen, aber nicht an den bestehenden Fäden vor ihr gezogen hätte. Sie hat zwar erkannt, aber nichts geändert, nichts getan. Sie war zu schwach, zu verzagt meint sie, Zeit ihres Lebens. Lieber wurde sie zu einem Sozialfall und blieb es, resultierend aus ihrem Elternhaus, das in unendlicher Dominanz noch heute auf ihren Schultern drückt, als hätte sie 2 Tonnen Elterngestein fein säuberlich darauf gestapelt.

Sie hört zwar die Lebensgeräusche, auch die positiven, schönen, aber sie versteht diese nicht für sich zu nützen. Weil selbst wenn sie aufstehen wollte, sie würde es nicht schaffen, 2 Tonnen Elterngestein drücken sie tagtäglich hinunter und zeigen ihr wer die Besitzer in ihrem Körper sind, nicht sie, ihre Eltern.

Selbst nach deren Tod hat sich am Gewicht auf den Schultern nichts geändert, es ist nicht leichter geworden, aber auch nicht schwerer, es ist nach wie vor da und drückt nach unten. Dann kam der Krebs und die anderen Krankheiten. Nein, es war kein Schulterkrebs, aber vieles war involviert, krank, zerfressen. Die Wirbelsäule und die Gelenke waren kaputt von den 2 Tonnen Elterngestein, Magen und Darm waren ruiniert vom runterschlucken der Demütigungen. In knapp 70 Jahren sammelt sich viel an, da ist permanent zu schlucken, ob es einem passt oder nicht, ob es einem schmeckt oder nicht. Man kann ja nicht aus, die 2 Tonnen Elterngestein halten einen still und man muss weiterhin schlucken.

Lebensgeräusche. Was hört man, was will man hören? Wenn einem ein Kinofilm nicht gefällt, steht man auf und verlässt den Saal. Im so genannten Real Life? Wieso ist es da so schwer aufzustehen und einfach zu gehen? Vermutlich wegen den 2 Tonnen Elterngestein auf den Schultern.