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Blöd in die Gegend gucken E-Mail

photocase_de_giftgruen_4a9s86j92.jpgSeit geschlagenen 3 Stunden sitze ich in diversen Straßenbahnen, vertreibe mir durch Wien fahrend die massig vorhandene Zeit eines Arbeitslosen. Am Beginn stand eine Linie mit ungerader Zahl (die 5) um von einer Linie mit einer geraden Zahl (die 46) abgewechselt zu werden. Ich sitze immer im hintersten Teil der Straßenbahn, denn von dort habe ich den besten Überblick.

 

 

Die Frau mir schräg gegenüber bohrt seit Minuten zuerst zaghaft, dann immer bestimmter, mit dem rechten Zeigefinger in ihrem linken Nasenloch. Die Bohrsequenz wird immer wieder von einer Betrachtungssequenz abgelöst. Hat sie gefunden, was sie sucht, dann holt sie aus der linken Hand ein Taschentuch und deponiert ihren Fund in eben diesem. Eine zielstrebige, zivilisierte Frau, denn es gab bereits Mitreisende, die den Popel mit dem Finger quer durch den Wagen stippten und man froh sein musste nicht getroffen zu werden. Meist kleben sie an den Fenstern, halb getrocknet, aber immer gut erkennbar. Wenn ich diese Querschläger sehe graust es mir vor den Mitreisenden und ich erwische mich immer wieder, wie ich nach den Verursachern suche. Nachdem die Dinger aber halb angetrocknet sind, befinden sich deren ehemalige Besitzer längst über alle Berge. Ob sie ihre Popel wieder erkennen, wenn sie sich genau am selben Platz einfinden? Selbstverständlich nicht, war ausschließlich eine theoretische, nicht eine praktische Frage. Niemals würden sich eigene Popel zu erkennen geben. Es reißt sozusagen mit dem Schleudermoment der unsichtbare Faden zum Besitzer.

Das Thema wird mir zu dreckig, ich verlasse die Straßenbahn und versuche mein Glück in der entgegengesetzten Richtung.

Stark riechende Obdachlose in einer Straßenbahn, in der sich die Fenster nicht mehr öffnen lassen, so modern ist sie, also stark riechende Obdachlose kann ich in diesen fahrenden, geschlossenen Räumen auf den Tod nicht ausstehen. Dabei will ich sie keinesfalls diskriminieren. Auch sie sollen die Möglichkeit haben von den Wiener Linien von A nach B und zurück transportiert zu werden. Aber nicht in dem Wagen in dem ich mich gerade befinde. Schon beim Eintritt in meine ehrenamtliche Hospizarbeit habe ich im Einstellungsgespräch festhalten müssen, dass ich von der Nase her empfindlich bin und hier wohl meine Grenzen gesetzt sein werden. Die stark riechenden Mitreisenden kann ich also nicht ausstehen. Meist versuche ich es in einer Flucht im Straßenbahnwagen. Früher war es einfacher, da bestanden sie aus einem langen Vorderteil und einem vom Vorderteil getrennten, kurzen Hinterteil. Saß der übel riechende Obdachlose im Vorderteil, dann wechselte ich den hinteren Teil und umgekehrt. Aber wie schon erwähnt, ich möchte nicht diskriminieren, das liegt mir vollkommen fern, ich halte diesen strengen Geruch nur beim besten Willen nicht aus.

Der Jugendliche vor mir guckt mich mindestens genau so unvermittelt an wie ich ihn. "Gib endlich die Füße vom Sitz." gebe ich in Gedanken in seine Richtung von mir und nur in diesen und daher vollkommen wirkungslos. Durch meinen Blick animiert, rutscht er mit den Schuhen auf dem gegenüberliegenden Sitz hin und her und putzt sich solcher Art zuerst die Sohlen, dann die restlichen Teile seiner Turnschuhe oder wie man die Dinger heute nennt. Damals, zu meiner Zeit, da nannte man die Dinger Turnschuhe, heute wohl nicht mehr, aber da mache ich nicht mit. TURNSCHUHE! TURNSCHUHE!

Was heißt der Zug wird eingezogen? Und ich soll mich hier vor die Remise stellen um mir ein Taxi zu nehmen? Ich hätte die Durchsage zuvor überhört? Kann schon sein, ich war duch den ungezogenen Jugendlichen abgelenkt. Ob ich nicht mit in die Remise fahren kann, schließlich war ich noch nie mit der Straßenbahn in einer Remise. Verboten! Ach, ich hätte es mir denken können. Individualität ist im öffentlichen Verkehr meist verboten. Dann werde ich jetzt wohl aussteigen. Auf Wiedersehen!