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In Pension E-Mail

aboutpixel_de_snygo_zeitung.jpg"Das hätten Sie wohl nie gedacht, dass Sie eines Tages, quasi von heute auf morgen, von allen Instanzen abgesägt werden und in Pension gehen müssen. Gerade Sie, der Inbegriff der Aktivität, der Inbegriff des Erfolges, der Inbegriff des Netzwerkens. Darf ich ihnen mein Bedauern ausdrücken oder soll ich ihnen vielmehr die Frage stellen, wie sie damit umzugehen verstehen?"

Der ältere, sportliche Herr blickt mich verdutzt an und wundert sich offensichtlich von mir nicht nur aufdringlich taxiert, sondern auch angesprochen zu werden.

"Kennen wir einander? Ich wüsste jetzt wirklich nicht wo ich Sie hintun soll."

Er lächelte unsicher und versucht sich krampfhaft in Erinnerung zu führen zu welchem der unzähligen Möglichkeiten mein Gesicht passen könnte.

"Lassen sie nur, strengen Sie sich nicht so an!" fahre ich fort und erzähle ihm, dass wir einander von einem einzigen geschäftlichen Aufeinandertreffen kennen. Natürlich verblieb es mir leichter in Erinnerung als ihm. Einerseits verbuche ich ihm gegenüber einen winzigen, unscheinbaren Bruchteil an geschäftlichen Treffen, andererseits ist er in der Stadt so wahnwitzig prominent, dass selbst in oberflächlichster Betrachtungsweise es mir unmöglich gewesen wäre diesen Termin zu vergessen. Prominente Termine meiseln sich mir ein als wäre ich deren persönlicher Grabstein.

Er erzählte mir kurz darauf wie er mit seiner unsagbar üppigen Freizeit umgeht, dass er sich mit ehemaligen Geschäftspartnern zu Tennis und Golf verabredet und des weiteren nach wie vor auch geschäftlich aktiv wäre. Letzteres war mir ohnehin vollkommen klar, denn es scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, Dinge auszulassen um sich fortan ausschließlich privaten, persönlichen Aufgaben zu widmen. Einmal big-business, immer big-business. Einmal zum Schlachtessen unterm Giebelkreuz eingeladen, immer die Sucht zu diesem unsagbar privilegierten Anlass geladen zu werden.

"Wissen Sie, das Leben besteht aus schlechten Angewohnheiten!" setzt er an. "Es sind nämlich die schlechten Gewohnheiten, die sich einem manifestieren und nicht mehr entwischen lassen. Wichtige, gute Gewohnheiten werden ausschließlich kurz gelebt um sie anschließend recht schnell wieder zu vergessen. - Geht es ihnen anders?"

Allmählich frage ich mich, wie ich mich schnellstmöglich wieder aus diesem Gespräch absetzen könne. Es erscheint mir ein wenig mühsig, die kleine bescheide Bühne jenes Selbstdarstellers darzustellen. Noch dazu im Bemerken, dass wir mittlerweile aus 5 verschiedenen Richtungen von noch mehr Tischen aus beobachtet werden. Prominenz zieht an, jawohl.

Ich erkläre ihm also, noch dringend einige Besorgungen erledigen zu müssen, da ich ja selbst noch beruflich aktiv bin, muss ich die Zeiten zwischendurch sehr effizient nützen ... und so. Er nickt verständnisvoll und blickt wieder auf den Stapel Zeitungen vor sich.